Die Parabel von den Stachelschweinen

Die Parabel von den Stachelschweinen

von Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) war ein deutscher Philosoph, Autor und Hochschullehrer.  Die folgende Parabel entstammt seiner Veröffentlichung: „Parerga und Paralipomena – kleine philosophische Schriften“ aus dem Jahr 1851. Es geht um Distanz und Nähe.

Eine Gesellschaft Stachelschweine* drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.

* Stachelschweine haben bis zu 40 cm lange Stacheln. Die Stacheln sind sehr spitzig.

In dieser Parabel geht es um etwas, was uns alle beschäftigt.: das passende Maß von Nähe und Distanz. Im Artikel „Ist die Firma eine Familie“ haben wir uns mit dem Thema im Hinblick auf die Firma ausführlich beschäftigt.

Natürlich hat das Thema auch seine Bedeutung im Privatleben. Das kennt Ihr bestimmt alle. Auch wenn wir unseren Partner über alles lieben, gibt es Augenblicke, in denen die Nähe zu viel wird und ein jeder seinen Freiraum braucht. Dabei ist das Maß sehr individuell. Wenn Ihr in diesem Punkt Differenzen habt, sprecht darüber.

Das hier zum Download bereite Übungsblatt ‚Nähe und Distanz‘ hilft dabei, zunächst einmal die eigenen Empfindungen auszudrücken und zu vermuten, wie es dem anderen geht. Ein Austausch darüber kann Euch helfen, Missverständnisse auszuräumen und zu verstehen, dass vorübergehende Distanz nicht bedeutet, dass die Liebe weg ist.

Die „mittlere Entfernung“, also die optimale Balance zwischen Nähe und Distanz muss jeder für sich selbst definieren und herausfinden. Eure berufliche Situation erfordert ja schon einen engen Kontakt und Austausch zwischen Euch. Und es kann sein, dass Ihr entweder beide oder aber auch nur einer von Euch ab und an etwas Abstand braucht, um über sich und seine Umwelt etwas tiefer nachzudenken. Gönnt Euch das einander. Dadurch nehmt Ihr wechselseitige Rücksicht – was für ein großartiges Geschenk!


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