Das Huhn und die kleinen Entlein

Das Huhn und die kleinen Entlein

Es war einmal eine Ente, die hatte vier Eier gelegt. Während sie noch brütete, schlich sich ein Fuchs ans Nest heran und tötete die Ente. Bevor er die Eier auffressen konnte, wurde er gestört und suchte das Weite, die Eier blieben allein im Nest zurück.

Eine Bruthenne kam gackernd vorbei und entdeckte das verlassene Gelege. Instinktiv setzte sie sich darauf, um die Eier auszubrüten. Es dauerte nicht lang, da schlüpften die Entenküken aus und selbstverständlich hielten sie das Huhn für ihre Mutter und spazierten bald in einer Reihe hinter ihm her. Die Henne, stolz auf ihre jüngste Brut, nahm sie mit zum Bauernhof.

Jeden Morgen nach dem ersten Hahnenschrei begann Mama Henne auf dem Boden zu scharren, und die Entlein zwangen sich dazu, es ihr gleich zu tun. Da es den Entlein nicht gelingen wollte, auch nur einen einzigen Wurm aus dem Boden zu picken, versorgte die Mama sämtliche Küken mit Nahrung. Sie teilte jeden Regenwurm in Stücke und steckte sie ihren Kindern in die breiten Schnäbel.

Tag um Tag ging die Henne mit ihrer Brut rund um den Bauernhof spazieren. Diszipliniert und in Reih und Glied folgten ihr die Küken. Als sie einmal am See angekommen waren, warfen sich die Entlein gleich ins kühle Nass, als hätten sie nie etwas anderes getan, während die Henne verzweifelt am Ufer gackerte und sie anflehte, aus dem Wasser zu kommen. Munter planschen die Entlein umher, und ihre Mutter flatterte nervös mit den Flügeln und heulte aus Angst, sie könnten ertrinken.

Vom Gegacker der Henne angelockt, erschien der Hahn und erfasste die Situation mit einem Blick. „Auf die Jugend ist kein Verlass“, war sein Verdikt. „Leichtsinnig wie sie nun einmal ist.“ Eins der Entenküken, das den Hahn gehört hatte, schwamm zu ihnen ans Ufer und sagte: „Gebt uns nicht die Schuld an eurem eigenen Unvermögen.“

Die Moral von der Geschicht‘

Denke nun nicht, dass die Henne falsch gehandelt hat. Und richte auch nicht über den Hahn. Halte die Entlein nicht einfach für trotzig und übermütig. Keiner von ihnen ist im Irrtum. Sie betrachten nur jeder die Realität von unterschiedlichen Standpunkten aus. Der einzige Fehler ist fast immer, zu glauben, dass der eigene Standpunkt der einzige ist, von dem aus man die Wahrheit sieht.

Quelle: Jorge Bucay, Komm, ich erzähle Dir eine Geschichte

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