Der kleine Tag – K(ein) Tag wie jeder andere?

Der kleine Tag – K(ein) Tag wie jeder andere?

Jetzt in der Pandemiezeit klagen viele Menschen über Eintönigkeit und Langeweile. Manch einer vermisst die Geselligkeit mit Familie und Freunden, den Restaurantbesuch, das Kino, die Kultur, das Reisen. Dabei gelingt es – mit der richtigen Einstellung – jedem Tag etwas Schönes abzugewinnen. So sieht es zumindest „Der kleine Tag“, dessen wunderschöne Geschichte ihr hier lesen könnt.

Der kleine Tag

Es war einmal ein kleiner Tag. Der lebte mit seinen Eltern und Geschwistern dort, wo alle Tage leben, bevor sie auf die Erde kommen, und wo sie auch nachher bleiben, wenn sie sich zu Gunsten der Nacht wieder zurückgezogen haben. Kein Mensch weiß, wo dieser Ort ist, denn wer könnte schon sagen, wo die Tage bleiben, wenn sie ihren Dienst erfüllt haben? Jeder von Ihnen kommt nur ein einziges Mal auf die Erde. Ein Tag ist einmalig. Unser kleiner Tag, von dem hier die Rede ist, war voller Aufregung und Freude, wenn er an den so wichtigen Zeitpunkt seiner Erden Reise dachte.

Er träumte oft von seinem zukünftigen Erdengang, und mit großen Ohren hörte er zu, wenn seine Verwandten von ihrem Besuch auf der Erde erzählten. Sein Vater war ein sehr berühmter und gefürchteter Tag gewesen, an dem sich ein grauenhaftes Erdbeben ereignet hatte, das viele Menschen noch Jahrzehnte später nicht vergessen konnten. „Die ganze Welt zitterte“, erzählte sein Vater stolz, „und ich bin in allen Geschichtsbüchern erwähnt“. Seine Mutter wurde von den anderen Tagen ebenfalls sehr respektvoll behandelt. Als sie Erden-Tag war, hatten zwei Völker nach einem langen Krieg endlich Frieden geschlossen. Immer wieder wollte der kleine Tag hören, wie sich damals die Menschen lachend und weinend vor Freude umarmten und wie schön dieser Tag gewesen sei. Jeden Abend, wenn ein Tag von der Erde zurückkam, musste er genau berichten, was sich während seiner Amtszeit ereignet hatte. Voller Begeisterung hörte der kleine Tag Erzählungen von ruhmreichen Taten, Erfindungen und großen Festen, aber auch von Schneekatastrophen, den Dürre- und Hungerzeiten, von Flugzeugabstürzen, Explosionen und Gewalttaten. „Es ist ganz wichtig“, sagte sein Vater, „dass etwas Ungewöhnliches passiert, wenn du auf der Erde bist, damit man sich an dich erinnert. Sonst ist dein ganzes Leben sinnlos. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob etwas Gutes oder Böses geschieht. Hauptsache, du hinterlässt einen bleibenden Eindruck.“ „Wenn ich einmal auf der Erde bin“, dachte der kleine Tag, „dann wird sicherlich etwas ganz, ganz Großes geschehen, etwas, was es noch nie gegeben hat.“

Schließlich, nach scheinbar endlosen Monaten und Wochen des Wartens, war der große Augenblick gekommen. Der kleine Tag jubelte: „Jetzt reagiere ich die Welt!“ Aber schon bald erlebte er die erste Enttäuschung. Die strahlend goldene Sonne, von der sein Vetter im Juli so geschwärmt hatte, war nirgends zu sehen. Grauer Nebel verhüllte die frühen Morgenstunden. Alles sah trübe und dunstig aus, feucht und kalt. Und nein, freundlich sagen die Menschen auch nicht aus! Die meisten hasteten mürrisch und lustlos durch die Straßen, hatten die Mantelkragen hochgeschlagen und sahen grimmig zu Boden. Niemand schien den kleinen Tag zu beachten. „Hallo, hier bin ich!“, rief er, „Ich bin heute euer Tag! Freut ihr euch nicht, mich zu sehen?“ Aber die Menschen freuten sich nicht. „Was für ein lausiger Tag“, sagte ein Mann zu seinem Arbeitskollegen. „Wenn doch bloß die Sonne ein wenig scheinen würde!“ Ja, die Sonne! Wo war sie? Der kleine Tag konnte sie nirgendwo entdecken. „Bitte, liebe Sonne“, rief er, „komm doch hervor und mache die Welt an meinem Tag etwas schöner, damit die Menschen nicht alle so grimmig sind!“ „Das kann ich nicht“, sagte die Sonne, die von einer graufetten Regenwolke verdeckt wurde. „Ich habe nicht mehr die Kraft dazu. Komm im Frühling oder besser noch im Sommer wieder, dann will ich so scheinen, dass deine Augen geblendet werden. Aber im November bin ich dazu zu schwach.“ Der kleine Tag war ganz verzweifelt. „Aber ich bin doch nur heute hier!“, rief er. Die Sonne hatte Mitleid mit ihm. Mit aller Kraft presste sie ein paar dünne Strahlen hervor. Der kleine Tag hatte so etwas noch nie gesehen. Er sah verzückt und verzaubert, wie die Sonnenstrahlen auf einen Waldweg fielen und sich das Licht in den Regentropfen spiegelt. „Hurra!“, rief der kleine Tag, „freut ihr euch jetzt, dass ich hier bin?“ Doch die Sonne hatte zu kurz geschienen. Kaum ein Mensch hatte die wenigen Sonnenstrahlen bemerkt, und jetzt war es wieder so grau wie zuvor. Betrübt wollte der kleine Tag schon den Kopf senken. Doch was war das? Auf einem Schulhof stand ein Junge mit einem funkelnagelneuen Fahrrad, umringt von seinen Klassenkameraden. „Woher hast du denn das tolle Rad?“, Fragte einer von ihnen. „Na, wisst ihr denn nicht, was heute für ein Tag ist? Ich habe heute Geburtstag!“

Der kleine Tag jauchze. Endlich freute sich jemand über ihn. Er schaute sich weiter auf der Welt um. Er sah das Meer! Die Wellen klatschen gegen die Felsen am Strand, und die Gischt sprühte schäumend auf. Es war ein wundervolles Schauspiel, von dem sich der kleine Tag kaum losreißen konnte. In einem Park saß ein Mann auf einer Bank und schrieb. Als er fertig war, sah er sich zufrieden lächelnd um. Er hatte bestimmt etwas Schönes geschrieben. Der kleine Tag freute sich. In einem Fenster stand ein Musiker und pfiff fröhlich eine kleine neukomponierte Melodie vor sich hin. Der kleine Tag hätte am liebsten mitgepfiffen. Der Nachmittag brachte ihm neue Erfahrungen: spielende Kinder, Leute beim Spazierengehen, Menschen, die sich zum gemütlichen Kaffeetrinken zusammenfanden. Er sah einen jungen Mann an einer Haustür klingeln und ein hübsches Mädchen herauskommen. Die beiden fasten sich an den Händen und gingen in einen Park. Auf der Brücke über einem kleinen Bach blieb der junge Mann stehen und sah Mädchen in die Augen. „Ich liebe dich!“, sagte er und gab ihr einen Kuss. Dem kleinen Tag wurde ganz heiß vor Freude. Das war sicher das allerschönste Erlebnis für ihn hier auf der Erde.

Als die Dämmerung kam und der kleine Tag seine Aufgabe erfüllt hatte, eilte er aufgeregt nach Hause. Alle Tage hatten sich schon versammelt und erwarteten gespannt seinen Bericht. „Na, wie war es?“, fragte ihn sein Vater, „bist du ein guter Tag gewesen?“ „Oh ja!“, rief der kleine Tag, und alle seine Erlebnisse sprudelten wie ein Wasserfall aus ihm heraus. „Und dann haben sie sich geküsst!“, rief er am Schluss seines Berichts ganz atemlos und sah sich erwartungsvoll in der Runde um. Sein Vater machte nur eine wegwerfende Handbewegung. „Naja, das kennen wir ja alle, aber nun erzähl mal die interessanten Dinge. Was hat sich denn nun wirklich ereignet?“ Der kleine Tag starte ihn fassungslos an. „Aber“, stammte er,“ das ist alles. Das ist doch viel, oder?“ In den hinteren Reihen begannen einige ältere Tage zu lachen. Schließlich lachten sie alle, die ganze Gesellschaft, bis der kleine Tag in einer riesigen Woge von Gelächter zu ertrinken drohte. „Was?“, rief sein Vater aufgebracht, „es muss doch wenigstens etwas passiert sein! Ein Schiffsunglück vielleicht? Oder eine Flugzeugentführung? Wenigstens ein Banküberfall?“

Der kleine Tag schüttelte den Kopf. Einsam und traurig stand er mitten in dem Gelächter. Sein schöner Tag! Und sie fanden ihn langweilig und alltäglich, nichts außergewöhnliches war geschehen. Er hätte vor Scham versinken mögen. „Ein Nichts bist du!“, rief sein Onkel. „Schon morgen hat man dich auf der Erde vergessen! Kein Buch wird dich erwähnen, kein Mensch wird sich an dich erinnern!“ „Ist Liebe denn nichts ungewöhnlich schönes?“, wollte der kleine Tag fragen – aber er traute sich nicht mehr. Er fürchtete die Hänseleien und den Spott der anderen. Er zog sich zurück und nahm an all den Geselligkeit nicht mehr teil. Er wollte nicht hören, was die anderen Tage zu berichten hatten. Einsam saß er in seiner Ecke und machte sich bittere Vorwürfe.

Eines Abends jedoch, Monate später, riefen ihn seine Eltern: „Denk dir, einer deiner Neffen kam gerade von der Erde zurück und weißt du was er berichtet hat? Heute wurde dein Tag zum internationalen Feiertag erklärt, weil an deinem Tag vor genau einem Jahr nichts Böses geschehen ist, kein Verbrechen verübt wurde, nirgendwo auf der Erde Kämpfe waren. Darum soll von nun an jedes Jahr an deinem Tag das Fest des Friedens gefeiert werden. Heute stand es auf der Erde in allen Zeitungen!“ Der kleine Tag sagte gar nichts. Er strahlte.

aus: „Wie viele Farben hat die Sehnsucht?“ © lucy körner Verlag 2011

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