Ein Tropfen Honig

Ein Tropfen Honig

Der König eines fernen Landes stand mit seinem Staatsminister in übermütiger Laune an einem Fenster seines Palastes. Sie aßen gebratenen Reis und Honig und lachten dabei so sehr, dass ihnen etwas Honig auf das Fensterbrett tropfte. „Eure Majestät“, sagte der Staatsminister, „wir haben etwas Honig auf das Fensterbrett fließen lassen. Gestatten Sie mir, ihn weg zu wischen!“ Der König aber antwortete lachend: „Mein lieber Herr, es ist doch wohl unter ihrer Würde, das zu tun. Ich mag auch keinen anderen rufen, denn der würde nur unsere angenehme Unterhaltung stören. Kümmern wir uns also nicht um das bißchen Honig!“

So lachten und aßen sie weiter, während ein einziger Tropfen des verschütteten Honigs vom Fensterbrett auf die Straße hinunter fiel. Der König hatte das bemerkt. „Sehen Sie, Herr Staatsminister,“ sagte er und zog dabei seinen Minister leicht am Ärmel, „unten auf der Straße hat eben eine Fliege durch einen Tropfen unseres Honigs Futter gefunden!“ Als der Staatsminister hinabschaute, konnte er gerade noch sehen, wie sich eine große Spinne auf die Fliege stürzte, während einen kleinen Augenblick später diese Spinne wiederum von einer Hauseidechse verschlungen wurde.

Da lachten die beiden am Fenster. Sie aßen und lachten auch weiter, als sie bemerkten, wie eine große Katze mit einem kräftigen Sprung über die Hauseidechse herfiel und sie mit ihren Krallen fing. Kaum hatte sie die Eidechse verschlungen, wurde sie von einem bissigen Hund angeknurrt und angegriffen. Selbst als die Eigentümer der Katze und des Hundes ihrer Tiere wegen in Streit gerieten und dabei alsbald die Fäuste gebrauchten, hörten der König und sein Staatsminister nicht auf, sich über den Vorgang zu amüsieren. Sie freuten sich sogar noch, als die Streitenden von ihren Freunden unterstützt wurden und sich nunmehr zwei kämpfende Parteien gegenüberstanden.

Doch recht bald verging ihnen Lachen und Essen, denn rasch weitete sich der Streit zu einem Kampf aus, der auf andere Straßen übergriff. In dem nun herrschenden Durcheinander, das sich auf den Straßen abspielte, rief der König von seinem Fenster aus den Palastwachen zu, dass sie Ordnung und Ruhe schaffen sollten. Doch er rief vergeblich, da seine Wachen selbst schon in den Kampf der beiden Parteien verwickelt waren. Ihm und dem Staatsminister half niemand. Innerhalb weniger Stunden war ein Bürgerkrieg ausgebrochen, die Stadt brannte, und der Palast wurde zusammen mit dem König und dem Staatsminister vernichtet.

Quelle: Märchen aus Myanmar; gefunden in ‚Hanna Milling, Storytelling‘

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